Pflege braucht Menschen

Doch wer sorgt für ihre mentale Gesundheit? Zwei aktuelle Forschungsprojekte beleuchten die psychischen Belastungen pflegender Angehöriger und professioneller Pflegekräfte. Sie zeigen, warum individuelle Resilienz allein nicht ausreicht und welche Rolle Arbeitsbedingungen, Personalbemessung und gesunde Führung spielen. Ein Blick auf die Frage, wie Pflege langfristig möglich bleibt, ohne die Gesundheit der Pflegenden zu gefährden.

von Niklas Oppermann

Pflege braucht Menschen

Pflege ist Beziehungsarbeit, Verantwortung und gesellschaftliche Infrastruktur. Sie findet im Krankenhaus statt, in Pflegeeinrichtungen und zunehmend auch dort, wo sie lange weniger sichtbar war: im eigenen Zuhause. Zwei aktuelle Entwicklungen aus der Forschung lenken den Blick auf unterschiedliche Seiten derselben Frage: Was brauchen Menschen, damit Pflege langfristig möglich bleibt, ohne dass ihre eigene psychische Gesundheit dabei auf der Strecke bleibt? Das Forschungsprojekt Inno:Care des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) nimmt pflegende Angehörige in den Blick. Ein aktuelles Policy Brief der WHO Europa untersucht dagegen die Bedingungen professionell Pflegender – und insbesondere die Frage, welche Rolle eine ausreichende Personalausstattung für Gesundheit und Sicherheit spielt. Zusammen betrachtet, machen beide Perspektiven eines deutlich: Mentale Gesundheit in der Pflege lässt sich nicht allein über die Widerstandskraft einzelner Menschen erklären.

 

Wenn Pflege zum Teil des eigenen Lebens wird

In Deutschland übernehmen mehr als sieben Millionen Menschen regelmäßig informelle Pflegearbeit. Ein großer Teil der Versorgung pflegebedürftiger Menschen findet damit im familiären Umfeld statt.¹ Das neue DZPG-Projekt „Inno:Care – Stress, mentale Gesundheit und Resilienz in der informellen Pflege von Angehörigen“ setzt genau hier an. Das Projekt startete im Juli 2026 und soll erstmals systematischer erfassen, welchen psychischen Belastungen pflegende Angehörige ausgesetzt sind und welche Unterstützung sie tatsächlich benötigen.² Geplant ist zunächst eine groß angelegte Online-Befragung im deutschsprachigen Raum. Untersucht werden unter anderem Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und traumabezogene Belastungen. Dabei geht es nicht nur um ältere Menschen, die Angehörige pflegen. Auch Eltern pflegebedürftiger Kinder und sogenannte Young Carers werden berücksichtigt.³ Bemerkenswert ist dabei der partizipative Ansatz: Pflegende Angehörige sollen nicht lediglich Untersuchungsgegenstand sein, sondern aktiv an der Forschung beteiligt werden. Das ist mehr als eine methodische Entscheidung. Wer Unterstützung entwickeln will, muss verstehen, wie Pflege tatsächlich erlebt wird.

 

Pflege ist keine individuelle Belastungsprüfung

Auch in der professionellen Pflege wird zunehmend sichtbar, dass psychische Gesundheit eng mit den Bedingungen zusammenhängt, unter denen Menschen arbeiten. Die WHO Europa hat im Februar 2026 erstmals ein eigenes Policy Brief zur sicheren Personalausstattung in der Pflegeveröffentlicht. Grundlage sind internationale Evidenz sowie Erfahrungen aus 21 EU-Mitgliedstaaten im Rahmen des Projekts „Nursing Action“.⁴ Die zentrale Erkenntnis: Personalausstattung ist nicht ausschließlich eine Frage der Versorgungsqualität oder Patientensicherheit. Sie betrifft auch die Gesundheit der Pflegekräfte selbst. Wenn zu wenige oder nicht ausreichend qualifizierte Pflegekräfte vorhanden sind, steigen laut WHO unter anderem Stressbelastung, Verletzungsrisiken und das Risiko psychischer Erkrankungen. Gleichzeitig können schlechte Arbeitsbedingungen Burnout, Fluktuation und weitere Personalengpässe verstärken.⁵ Damit entsteht eine Dynamik, die sich selbst verstärken kann:

 
  • weniger Personal erhöht die Belastung
  • höhere Belastung kann die psychische Gesundheit beeinträchtigen
  • psychische Belastungen und schlechte Arbeitsbedingungen können wiederum dazu beitragen, dass Menschen den Beruf verlassen.
 
Die WHO empfiehlt deshalb nicht nur mehr Personal, sondern einen breiteren Ansatz: bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Personalplanung, Aus- und Weiterbildung, berufliche Autonomie und eine stärkere Führungskompetenz in der Pflege.⁶

 

Was beide Perspektiven verbindet

Die Forschung zu professionell Pflegenden und die neue Untersuchung pflegender Angehöriger betrachten unterschiedliche Lebenssituationen. Trotzdem weisen sie in eine ähnliche Richtung. Psychische Gesundheit entsteht nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen Pflege stattfindet. Für Angehörige kann Pflege bedeuten, Verantwortung über Jahre hinweg zusätzlich zu Beruf, Familie und anderen Lebensbereichen zu übernehmen. Für professionell Pflegende können Personalmangel, Schichtarbeit, hohe Verantwortung und fehlende Handlungsspielräume zu dauerhaften Belastungsfaktoren werden. Das bedeutet nicht, dass strukturelle Bedingungen allein psychische Erkrankungen verursachen. Psychische Gesundheit ist komplex und von vielen individuellen, sozialen und organisatorischen Faktoren abhängig.
Aber die Studienlage macht deutlich: Wer mentale Gesundheit stärken will, sollte nicht erst beim einzelnen Menschen ansetzen.

 

Von der individuellen Resilienz zur gesunden Pflegekultur

Resilienz, Selbstfürsorge und individuelle Unterstützungsangebote können wichtige Bausteine sein. Sie ersetzen jedoch keine guten Rahmenbedingungen. Für Pflegeeinrichtungen bedeutet das beispielsweise, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen, Führung als Gesundheitsfaktor ernst zu nehmen und Mitarbeitenden tatsächliche Handlungsspielräume zu geben. Ebenso wichtig sind Strukturen, in denen über Überforderung gesprochen werden kann, ohne dass dies als persönliches Versagen verstanden wird. Gerade darin liegt eine Verbindung zu einem Grundgedanken gesunder Führung: Nicht nur fragen, wie belastbar Menschen sind – sondern auch, was die Organisation dazu beiträgt, dass Belastung bewältigbar bleibt. Das gilt für die Pflegeeinrichtung ebenso wie für das Versorgungssystem insgesamt.

 

Pflege braucht einen Perspektivwechsel

Inno:Care macht eine bislang weniger sichtbare Gruppe zum Gegenstand systematischer Forschung. Die WHO rückt mit ihrem Policy Brief die Arbeitsbedingungen professionell Pflegender in den Mittelpunkt. Beide Entwicklungen zeigen: Wenn wir über die Zukunft der Pflege sprechen, reicht es nicht, über Versorgungskapazitäten, Fachkräftebedarf oder Effizienz zu sprechen. Wir müssen auch fragen, unter welchen Bedingungen Menschen bereit und in der Lage sind, Pflege zu leisten – und dabei selbst gesund zu bleiben. Denn Pflege kann nur dann nachhaltig sein, wenn nicht nur die Menschen versorgt werden, die Pflege benötigen. Sondern auch diejenigen, die sie leisten.

 

Was kann heute konkret getan werden?

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind ein Ausgangspunkt. Entscheidend ist, was daraus im Pflegealltag entsteht. Mental.Kraft unterstützt Pflegeeinrichtungen dabei, mentale Gesundheit nicht dem Zufall zu überlassen – sondern sie im Arbeitsalltag gemeinsam zu stärken.

 

Quellen und Fußnoten:

[1] Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG), 2026: Informationen zum Projekt „Inno:Care – Stress, mentale Gesundheit und Resilienz in der informellen Pflege von Angehörigen“.
[2] DZPG-VISIONS-Projekt „Inno:Care“, Projektstart Juli 2026; Angaben zu Projektleitung, partizipativem Ansatz und geplanter Online-Befragung.
[3] Gesundheitsindustrie BW, 2026: Zusammenfassung des DZPG-Projekts mit Angaben zu den untersuchten psychischen Belastungen und den verschiedenen Gruppen pflegender Angehöriger.
[4] World Health Organization Regional Office for Europe (2026): Policies and approaches to promote safe nurse staffing: technical brief: executive summary. 18 February 2026.
[5] WHO Regional Office for Europe (2026): Unsafe nurse staffing in the European Region can harm patients and drive nurses out of the profession. 18 February 2026.
[6] WHO Regional Office for Europe (2026): Policies and approaches to promote safe nurse staffing. Die Empfehlungen umfassen unter anderem langfristige Personalplanung, bessere Daten, Investitionen, Aus- und Weiterbildung sowie die Stärkung von Führung und beruflicher Autonomie.