KI macht effizienter, was nun ?
KI erleichtert Arbeit, verdichten sie aber auch zugleich enorm. Für wen eigentlich? Gesunde Führung muss fragen: Schenkt KI meinem Team Zeit für Qualität – oder treibt sie das Team im Turbo ungesund an? Ist Zugang, Teilhabe und Aufgeschlossenheit zu und gegenüber KI eigentlich ein legitimer Auwahl-Mechanismus für Job-Profile, und: Darf Leadership das neue Leistungsmerkmal einfach erwarten ?
von Sascha Odenthal
KI macht uns effizienter. Aber wie führen wir dabei gesund?
Ich nutze KI inzwischen fast täglich. Und ja: Sie spart mir Zeit. Recherche, Texte, Konzepte oder erste Ideen entstehen deutlich schneller. Manchmal sitze ich vor einem Ergebnis und denke: Großartig – dafür hätte ich früher wesentlich länger gebraucht. Als Arbeits- und Organisationspsychologe und gleichzeitig Führungskraft beschäftigt mich dabei zunehmend eine andere Frage:
Was bedeutet diese neue Geschwindigkeit eigentlich für gesunde Führung?
Denn wenn KI unsere Arbeit verändert, verändert sie möglicherweise auch unsere Erwartungen an Leistung, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit – an uns selbst und an unsere Mitarbeitenden. Mit dieser Frage beschäftigen wir uns aktuell sehr viel bei Wemento: Wie muss gesunde Führung aussehen, wenn KI zunehmend Teil unseres Arbeitsalltags wird?
Wenn meine neue Geschwindigkeit zum Maßstab für mein Team wird
Für Recherche, erste Struktur und einen groben Konzeptentwurf hätte ich früher vielleicht einen halben Arbeitstag eingeplant. Mit KI brauche ich dafür heute vielleicht noch zwei Stunden. Großartig. Zwei Stunden gewonnen.
Aber was passiert mit meiner Erwartungshaltung?
Wenn ich selbst erlebe, dass Recherche, Konzepte oder Präsentationen plötzlich wesentlich schneller möglich sind, verändert sich irgendwann mein Gefühl dafür, wie lange eine Aufgabe eigentlich dauern darf.
- „Das müsste doch relativ schnell gehen.“
- „Mach doch schon mal einen ersten Entwurf mit KI.“
- „Das können wir doch bis morgen fertig haben.“
Für sich genommen harmlose Sätze. In Summe können sie aber eine neue Leistungserwartung erzeugen. Menschen nutzen KI unterschiedlich und brauchen für gute Arbeit weiterhin Zeit zum Denken, Prüfen, Abstimmen oder Verwerfen. Aus zwei Stunden Zeitersparnis werden dann nicht zwei Stunden mehr Luft, sondern zwei zusätzliche Aufgaben.
Die Wissenschaft kennt dieses Spannungsfeld
Eine aktuelle Auswertung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigt: Beschäftigte, die KI bei ihrer Arbeit nutzen, berichten einerseits über größere Handlungsspielräume, gleichzeitig aber auch über eine höhere Arbeitsintensität.[1]
KI kann also Ressource und Belastung zugleich sein.
Forschung zu Technostress beschreibt unter anderem Techno-Overload, Techno-Complexity, Techno-Insecurity, Techno-Uncertainty und Techno-Invasion.[2] Besonders Techno-Overload und Techno-Invasion stehen mit dem Wohlbefinden in Zusammenhang.[3]
Wenn wir über KI und mentale Gesundheit sprechen, müssen wir deshalb auch über Arbeitsmenge, Geschwindigkeit, Kompetenz, Handlungsspielräume und Regeneration sprechen. Gesunde Führung bekommt durch KI neue Fragen. Bei Wemento orientieren wir uns am wissenschaftlichen Ansatz des Health-oriented Leadership (HoL). Er unterscheidet zwischen SelfCare und StaffCare und betrachtet Gesundheit jeweils über drei zentrale Dimensionen: Awareness, Value und Behavior.[4]
Awareness – Wahrnehmen
Was nehme ich bei mir selbst und meinen Mitarbeitenden wahr? Verändert KI Arbeitsmenge, Tempo, Belastung oder Regeneration?
Value – Bedeutung geben
Welchen Stellenwert hat Gesundheit tatsächlich, wenn gleichzeitig Effizienz und Geschwindigkeit steigen? Ist Entlastung wirklich ein Ziel – oder wird frei gewordene Zeit unmittelbar wieder gefüllt?
Behavior – Handeln
Was tue ich konkret? Wie gestalte ich Erwartungen, Arbeitsmenge, Handlungsspielräume, Kommunikation und den Umgang mit KI?
"Hol" bekommt durch KI eine zusätzliche Aktualität
SelfCare: Was macht KI mit meiner eigenen Führung? SelfCare bedeutet nicht nur zu fragen: Was macht KI mit meinem eigenen Tempo? Sondern auch: Nehme ich die Veränderung wahr? Welchen Stellenwert gebe ich meiner eigenen Gesundheit? Und wie handle ich daraus? Arbeite ich tatsächlich entspannter – oder einfach schneller und mehr? Und verändert die technische Möglichkeit, mehr zu schaffen, meine persönliche Erwartung daran, was ich schaffen sollte? Übertrage ich meine eigene KI-Nutzung und Geschwindigkeit unbewusst auf meine Mitarbeitenden?
StaffCare: Was macht KI mit meinem Team? Für StaffCare gilt dieselbe Logik: Nehme ich wahr, wie unterschiedlich Mitarbeitende KI erleben? Ist mir ihre Gesundheit bei der Gestaltung neuer Leistungserwartungen tatsächlich wichtig? Und zeigt sich das konkret in meinem Führungsverhalten? Erleben sie KI als Unterstützung oder zusätzliche Anforderung? Steigt ihre Arbeitsmenge? Bleiben Handlungsspielräume erhalten? Sind Verantwortlichkeiten klar? Haben sie die notwendigen Kompetenzen? Und entsteht aus Zeitersparnis tatsächlich Entlastung? Eine systematische Übersichtsarbeit über 44 Studien zeigt, dass Führung Technostress sowohl reduzieren als auch verstärken kann.[5] Unterstützung, Empowerment, Ressourcen und Handlungsspielräume können protektiv wirken; Kontrolle und hohe Verfügbarkeitserwartungen können Belastungen verstärken.
„Ich weiß es nicht“ muss weiterhin erlaubt sein
StaffCare funktioniert nur, wenn Führungskräfte überhaupt erfahren, was Mitarbeitende belastet. Genau hier wird psychologische Sicherheit zentral.
Psychologische Sicherheit beschreibt ein Teamklima, in dem Menschen zwischenmenschliche Risiken eingehen können – also Fragen stellen, Unsicherheit zeigen, Fehler ansprechen, widersprechen oder um Unterstützung bitten.
Gerade im Umgang mit KI ist das entscheidend. Neue Technologien erzeugen nicht nur Effizienz, sondern auch Unsicherheit: Habe ich genug Kompetenz? Darf ich ein KI-Ergebnis infrage stellen? Muss ich genauso schnell sein wie andere? Darf ich sagen, dass mich die Geschwindigkeit überfordert?
Mitarbeitende müssen weiterhin sagen können:
- „Ich verstehe das noch nicht.“
- „Ich brauche länger.“
- „Ich glaube, die KI liegt falsch.“
- „Ich habe einen Fehler gemacht.“
„Ich brauche Unterstützung.“
Direkte Verbindung zum Health-oriented Leadership:
Damit entsteht eine direkte Verbindung zum Health-oriented Leadership:
Awareness setzt voraus, dass Belastungen sichtbar und ansprechbar werden. Value zeigt sich darin, welchen Stellenwert Gesundheit tatsächlich bekommt – und wie Führungskräfte auf Unsicherheit, Fehler und Belastung reagieren. Behavior bedeutet, aktiv ein Umfeld zu gestalten, in dem Fragen, Widerspruch und Unterstützungsbedarf erwünscht sind.
Psychologische Sicherheit wird damit zu einer wichtigen Voraussetzung für wirksame StaffCare. Ich kann nur angemessen unterstützen, wenn Mitarbeitende Belastung, fehlende Kompetenz oder Zweifel nicht verbergen müssen. Erste aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass psychologische Sicherheit beim Zusammenhang zwischen organisationaler KI-Einführung und psychischem Befinden eine relevante Rolle spielen könnte.[6] Gesunde Führung im KI-Zeitalter bedeutet deshalb nicht nur, Belastung wahrzunehmen. Sie bedeutet auch, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen sie ansprechen können.
Gesunde Führung allein wird es aber nicht richten
Wir dürfen die gesundheitlichen Auswirkungen von KI nicht allein bei Führungskräften oder Mitarbeitenden abladen. Wenn jede durch KI eingesparte Stunde unmittelbar mit zusätzlichen Aufgaben gefüllt wird, hilft auch die beste SelfCare nur begrenzt. Wenn Menschen kaum Handlungsspielräume haben, löst ein Resilienztraining das strukturelle Problem nicht. Deshalb gehören für uns Gesunde Führung und gesunde Arbeitsgestaltung zusammen. Arbeitsmenge, Handlungsspielräume, Beteiligung, Transparenz, Verantwortlichkeiten, Kompetenz und Regeneration müssen Teil der Diskussion werden. Auch BAuA und ILO betonen bei KI die Bedeutung einer menschzentrierten Arbeitsgestaltung und psychosozialer Arbeitsbedingungen.[7]
Gesunde Führung im KI-Zeitalter
KI × mentale Gesundheit × Gesunde Führung × Arbeitsgestaltung. Unser erster Fokus liegt bewusst auf Führungskräften und der Gestaltung von Arbeit. Nicht, weil Führungskräfte jetzt neben Strategie, Personal, Zahlen, Konflikten und dem kaputten Kaffeeautomaten auch noch allein die gesunde KI-Transformation retten sollen. Sondern weil sie an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen technologischen Möglichkeiten, organisationalen Erwartungen und dem täglichen Erleben ihrer Mitarbeitenden stehen. Wie schaffen wir es als Führungskräfte und Organisationen, Produktivität in bessere und gesündere Arbeit zu übersetzen – statt Belastung zukünftig einfach effizienter zu organisieren? Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur messen, wie viel Zeit KI spart. Sondern auch darauf achten, was wir anschließend von uns selbst und unseren Mitarbeitenden in dieser Zeit erwarten.
Quellen:
[1] Klärner, K.-D. et al. (2025). KI-unterstützte Arbeit: zwischen Handlungsspielraum und Arbeitsintensität. BAuA.
[2] Kotek, M. & Vranjes, I. (2025). When do Employees Perceive Technology as Stressful? A Meta-Analysis of work-related Technostress Antecedents. Information & Management, 62(8).
[3] Technostress and employee well-being: A systematic review of empirical evidence. (2026). Computers in Human Behavior Reports, 21.
[4] Franke, F., Felfe, J. & Pundt, A. (2014). The impact of health-oriented leadership on follower health. German Journal of Human Resource Management, 28.
[5] Rademaker, T., Klingenberg, I. & Süß, S. (2025). Leadership and technostress: a systematic literature review. Management Review Quarterly, 75.
[6] Kim, B.-J., Kim, M.-J. & Lee, J. (2025). The dark side of artificial intelligence adoption. Humanities and Social Sciences Communications, 12.
[7] Karimova, T. (2026). AI systems @ work: a changing psychosocial work environment. ILO Working Paper 170; BAuA: Veröffentlichungen zu KI und psychischer Belastung.