Gesunde Führung: Gesundheit als Führungsaufgabe
Gesunde Führung beginnt bei der eigenen Gesundheit: Wer sich selbst und andere aufmerksam führt, schafft Vertrauen, Ressourcen und nachhaltige Leistungsfähigkeit.
von Sascha Odenthal
GESUNDE FÜHRUNG: GESUNDHEIT ALS FÜHRUNGSAUFGABE
Führung beeinflusst, wie Menschen ihre Arbeit erleben – und damit auch, wie gesund sie auf Dauer arbeiten können. Sie prägt, ob Mitarbeitende sich sicher fühlen, Verantwortung übernehmen, Belastungen ansprechen und eigene Ideen einbringen. Gleichzeitig beeinflusst Führung auch, wie Führungskräfte selbst mit Stress, Druck und den eigenen Ressourcen umgehen.
Genau hier setzt Health-oriented Leadership (HoL) – gesundheitsorientierte Führung – an. Der Ansatz betrachtet Gesundheit nicht als zusätzliches Führungsthema, sondern als Teil guter Führung. Dabei geht es um zwei Perspektiven: SelfCare und StaffCare. Führungskräfte übernehmen Verantwortung für ihre eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit und gleichzeitig für gesundheitsförderliche Bedingungen für ihre Mitarbeitenden. Gesunde Führung bedeutet dabei nicht, Leistungsansprüche zu reduzieren oder jede Belastung aus dem Arbeitsalltag fernzuhalten. Arbeit darf fordern. Veränderungen dürfen herausfordern. Konflikte gehören zum Berufsleben. Entscheidend ist, wie mit diesen Anforderungen umgegangen wird und welche Ressourcen Menschen zur Verfügung haben.
WAS BEDEUTET HEALTH-ORIENTED LEADERSHIP?
Health-oriented Leadership beschreibt Führung, die Gesundheit bewusst wahrnimmt, ihr einen relevanten Stellenwert gibt und daraus konkretes Handeln ableitet.
Dabei lassen sich drei zentrale Komponenten unterscheiden:
- Awareness – Value – Behavior.
- Awareness: Gesundheit wahrnehmen
Gesunde Führung beginnt mit Aufmerksamkeit. Wie geht es mir selbst gerade? Wie hoch ist meine eigene Belastung? Welche Warnsignale nehme ich wahr? Und was verändert sich bei meinen Mitarbeitenden? Im Führungsalltag geraten diese Fragen schnell in den Hintergrund. Termine, Entscheidungen und operative Aufgaben bestimmen den Tag. Gesundheit wird dann häufig erst zum Thema, wenn jemand bereits deutlich überlastet ist. Health-oriented Leadership setzt früher an: Belastungen und Ressourcen sollen wahrgenommen werden, bevor aus ihnen ein ernsthaftes Problem entsteht.
Value: Gesundheit ernst nehmen
Wahrnehmung allein reicht nicht. Die zweite Frage lautet: Welchen Stellenwert hat Gesundheit tatsächlich in meinen Entscheidungen?
Gesundheit zeigt sich nicht in einem gut gemeinten Satz wie „Achten Sie auf sich“, sondern darin, welche Prioritäten im Alltag gesetzt werden. Was passiert, wenn die Arbeitsmenge zu groß wird? Wird eine unrealistische Deadline hinterfragt? Dürfen Mitarbeitende Grenzen setzen? Wie wird mit Fehlern, Konflikten oder längeren Belastungsphasen umgegangen? Gesundheit wird dann zum Wert, wenn sie bei solchen Entscheidungen tatsächlich berücksichtigt wird.
Behavior: Gesundheit fördern
Aus Awareness und Value muss schließlich Behavior entstehen: konkretes Verhalten. Gesunde Führung zeigt sich im täglichen Handeln. Führungskräfte können Belastungen ansprechen, Prioritäten klären, Handlungsspielräume schaffen, zuhören, Unterstützung anbieten und gemeinsam nach Lösungen suchen. Auch für die eigene Gesundheit gilt: Wer die eigene Belastungsgrenze erkennt, muss daraus Konsequenzen ziehen.
Gesunde Führung beginnt also mit Wahrnehmung, Haltung und Verhalten.
SELFCARE: GESUND FÜHREN BEGINNT BEI SICH SELBST
Führungskräfte stehen häufig zwischen hohen Erwartungen. Sie sollen Orientierung geben, Entscheidungen treffen, Leistung ermöglichen, Konflikte lösen und gleichzeitig für ihre Mitarbeitenden ansprechbar sein Dabei kann leicht übersehen werden, dass auch Führungskräfte selbst Menschen mit begrenzten Ressourcen sind. SelfCare bedeutet deshalb nicht Wellness am Arbeitsplatz. Es bedeutet, die eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit bewusst in die Führungsrolle einzubeziehen. Dazu gehören Selbstreflexion, ein angemessener Umgang mit Belastung und die Fähigkeit, eigene Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen.
Hilfreiche Fragen sind:
- Wie hoch ist meine eigene Belastung aktuell?
- Woran merke ich, dass meine Ressourcen knapp werden?
- Welche Stressoren kann ich beeinflussen?
- Wo setze ich meine eigenen Grenzen?
- Was hilft mir, langfristig leistungsfähig zu bleiben?
- Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung?
Damit verbindet sich gesunde Führung unmittelbar mit Themen wie Stressmanagement, Resilienz und Ressourcenorientierung. Denn eine Führungskraft, die dauerhaft überlastet ist, kann zwar kurzfristig funktionieren. Langfristig wird es jedoch schwierig, anderen Orientierung, Aufmerksamkeit und Stabilität zu geben. SelfCare ist deshalb kein Gegensatz zu guter Führung. Es ist eine Voraussetzung dafür.
STAFFCARE: GESUNDHEIT FÜR MITARBEITENDE MITGESTALTEN
Die zweite Perspektive ist StaffCare: die gesundheitsorientierte Gestaltung der Zusammenarbeit und der Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende. Führungskräfte können nicht alle gesundheitlichen Belastungen ihrer Mitarbeitenden verhindern. Sie können aber erheblichen Einfluss darauf nehmen, wie Menschen ihre Arbeit erleben und welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen. Hier liegen auch die sechs Gestaltungsfelder, die für gesunde Führung besonders relevant sind.
1. Sicherheit
Sicherheit entsteht durch Orientierung, Transparenz und Verlässlichkeit. Mitarbeitende möchten verstehen, welche Ziele verfolgt werden, warum Entscheidungen getroffen werden und was Veränderungen für sie bedeuten. Führungskräfte schaffen Orientierung, wenn sie Informationen nachvollziehbar kommunizieren und auch Unsicherheiten offen benennen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Bedenken zu äußern und Fehler anzusprechen, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Damit entsteht eine wichtige Verbindung zur psychologischen Sicherheit: Menschen können sich eher einbringen, wenn sie nicht ständig damit rechnen müssen, für Zweifel, Widerspruch oder Fehler abgewertet zu werden.
2. Wertschätzung
Wertschätzung bedeutet mehr als gelegentliches Lob. Sie zeigt sich darin, ob Menschen und ihre Beiträge wahrgenommen und ernst genommen werden. Eine wertschätzende Führungskraft hört zu, gibt konstruktives Feedback und begegnet Mitarbeitenden auch in schwierigen Situationen respektvoll. Wertschätzung bedeutet, den Menschen hinter der Funktion nicht aus dem Blick zu verlieren. Das schafft die Grundlage für Vertrauen, Zusammenarbeit und eine Kommunikation, in der auch schwierige Themen angesprochen werden können.
3. Adäquate Belastung
WertGesunde Führung bedeutet nicht, Belastung vollständig zu vermeiden. Sie bedeutet, dauerhafte Überforderung nicht zum Normalzustand werden zu lassen. Dazu gehört der Blick auf Arbeitsmenge, Komplexität, Prioritäten und verfügbare Ressourcen. Aber auch ständige Unterbrechungen, widersprüchliche Erwartungen oder permanente Erreichbarkeit können die tatsächliche Belastung erhöhen. Führungskräfte sollten deshalb regelmäßig prüfen:
- Sind die Prioritäten klar?
- Reichen die Ressourcen?
- Ist die Arbeitsmenge realistisch?
- Werden Überlastungssignale wahrgenommen?
4. Sog statt Druck
Druck kann kurzfristig Aktivität erzeugen. Langfristig können Angst, Kontrolle und permanenter Druck jedoch Motivation, Vertrauen und Eigenverantwortung schwächen. Gesunde Führung setzt deshalb stärker auf Sog statt Druck. Sog entsteht, wenn Menschen den Sinn ihrer Arbeit verstehen, Zusammenhänge erkennen und erleben, dass ihr eigener Beitrag etwas bewirkt. Das bedeutet nicht, auf klare Erwartungen zu verzichten. Gute Führung gibt Orientierung und definiert Ziele, lässt gleichzeitig aber Raum für Beteiligung, eigene Ideen und Verantwortung.
Kontrolle kann Verhalten steuern. Sinn und Vertrauen können Engagement fördern.
5. Handlungsspielräume
Menschen wollen nicht nur Aufgaben erfüllen. Sie wollen ihre Kompetenz einsetzen und Einfluss darauf nehmen können, wie sie ihre Arbeit gestalten. Handlungsspielräume ermöglichen genau das. Mitarbeitende können beispielsweise mitentscheiden, wie sie eine Aufgabe bearbeiten, welche Lösungen sie entwickeln oder wie sie ihre Arbeit organisieren. Dabei braucht Freiheit einen Rahmen. Führung bedeutet nicht, alle Entscheidungen abzugeben. Gute Führung schafft Orientierung ohne Mikromanagement. So entsteht eine Balance zwischen klaren Zielen und echter Eigenverantwortung.
6. Ein soziales Betriebsklima
Gesundheit entsteht auch in Beziehungen. Ein unterstützendes, faires und vertrauensvolles Miteinander kann eine wichtige Ressource im Arbeitsalltag sein. Es zeigt sich darin, wie Kolleg miteinander umgehen, ob Unterstützung selbstverständlich ist und wie Konflikte bearbeitet werden. Führungskräfte haben hier eine besondere Vorbildfunktion. Sie prägen durch ihr eigenes Verhalten mit, was im Team als normal und akzeptabel gilt. Ein gutes soziales Betriebsklima entsteht nicht einfach von selbst. Es wird jeden Tag mitgestaltet.
VON DER WAHRNEHMUNG ZUM HANDELN
Die sechs Gestaltungsfelder zeigen, wie StaffCare im Führungsalltag konkret werden kann. Gleichzeitig wird sichtbar, warum Awareness, Value und Behavior so wichtig sind. Eine Führungskraft kann beispielsweise erkennen, dass ein Mitarbeitender ungewöhnlich still geworden ist. Das ist Awareness. Sie muss anschließend entscheiden, ob sie dieses Signal ernst nimmt und dem Thema Raum gibt. Das ist Value. Und schließlich braucht es konkretes Handeln: ein Gespräch, eine Nachfrage, eine Klärung der Arbeitsbelastung oder gegebenenfalls die Vermittlung weiterer Unterstützung. Das ist Behavior. Gerade bei psychischen Belastungen ist dabei eine wichtige Grenze zu beachten:
Führungskräfte sind keine Therapeut.
Ihre Aufgabe besteht nicht darin, psychische Erkrankungen zu diagnostizieren oder zu behandeln. Sie können aber Veränderungen wahrnehmen, ein Gespräch anbieten, Belastungen ansprechen und Mitarbeitende bei Bedarf an geeignete professionelle Unterstützung weitervermitteln. Hier setzt beispielsweise Mentale Erste Hilfe (MEA) an.
GESUNDE FÜHRUNG ALS RAHMEN
Health-oriented Leadership schafft einen übergeordneten Rahmen, der verschiedene Führungsthemen miteinander verbindet. Gesunde Führung / Health-oriented Leadership (HoL)
- SelfCare + StaffCare
- Awareness + Value + Behavior
- konkrete Führungskompetenzen und Vertiefungen
Dazu gehören beispielsweise Stressmanagement, Resilinz und Ressourcenorientierung auf der SelfCare-Seite sowie psychologische Sicherheit, persönlichkeitsorientierte Führung, wertschätzende Kommunikation und Mentale Erste Hilfe im Bereich der StaffCare. Die Themen stehen damit nicht isoliert nebeneinander. Sie sind unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe zentrale Frage: Wie können Führungskräfte Bedingungen schaffen, unter denen Menschen gesund, engagiert und langfristig leistungsfähig arbeiten können – ohne dabei die eigene Gesundheit aus dem Blick zu verlieren?
FAZIT: GESUNDHEIT IST TEIL GUTER FÜHRUNG
Gesunde Führung bedeutet nicht, Arbeit möglichst stressfrei zu machen. Sie bedeutet, Gesundheit bewusst wahrzunehmen, ihr in Führungsentscheidungen einen Stellenwert zu geben und daraus konkretes Handeln abzuleiten.
Awareness. Value. Behavior.
Die Führungskraft beginnt dabei bei sich selbst – SelfCare – und richtet den Blick gleichzeitig auf die Menschen, für die sie Verantwortung trägt – StaffCare. Die sechs Gestaltungsfelder geben dafür konkrete Orientierung:
- Sicherheit
- Wertschätzung
- adäquate Belastung
- Sog statt Druck
- Handlungsspielräume
- ein soziales Betriebsklima
So wird gesunde Führung zu mehr als einem einzelnen Führungsinstrument. Sie wird zu einer Haltung und einem Handlungsrahmen, der unterschiedliche Kompetenzen miteinander verbindet. Und vielleicht beginnt gesundheitsorientierte Führung letztlich mit einer einfachen Frage: Wie geht es mir – und wie geht es den Menschen, für die ich Verantwortung trage? Wer diese Frage nicht nur stellt, sondern auch danach handelt, macht Gesundheit zu einem echten Bestandteil von Führung.
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WISSENSCHAFTLICHE GRUNDLAGE
Franke, F., Felfe, J. & Pundt, A. (2014). The impact of health-oriented leadership on follower health: Development and test of a new instrument measuring health-promoting leadership. German Journal of Human Resource Management, 28(1–2), 139–161.