Psychologische Sicherheit nach Amy Edmondson
Psychologische Sicherheit schafft Räume für offene Kommunikation, gemeinsames Lernen und nachhaltige Zusammenarbeit, indem Teams auch schwierige Perspektiven ohne Angst einbringen können
von Sascha Odenthal
Warum Innovation Mut erfordert: Psychologische Sicherheit nach Amy Edmondson
„Wenn wir aus Fehlern nicht lernen können, lernen wir gar nichts.“ Dieser Satz beschreibt eine Realität, die viele Organisationen täglich erleben. In vielen Unternehmen herrscht unbewusst die Sorge vor Hohn, sozialer Abwertung oder negativen Konsequenzen, sobald Bedenken geäußert oder Fehler eingestanden werden. Die Folge ist Schweigen. Wertvolle Ideen bleiben ungesagt, Risiken werden zu spät erkannt und das Potenzial von Teams bleibt ungenutzt.
Genau an diesem Punkt setzt das Konzept der psychologischen Sicherheit an, das maßgeblich von der Harvard-Professorin Amy C. Edmondson geprägt wurde. Es beschreibt die Grundlage für zukunftsfähige Führung, agile Zusammenarbeit und nachhaltige Leistungsfähigkeit in Organisationen.
Wer ist Amy Edmondson? Die Entdeckung eines Paradigmenwechsels
Amy C. Edmondson ist Professorin für Führung und Management an der Harvard Business School. Seit den late 1990er-Jahren erforscht sie, wie Teams lernen, Entscheidungen treffen und unter komplexen Bedingungen zusammenarbeiten.
Unerwartet stieß sie im Rahmen einer Studie in Krankenhäusern auf ein Phänomen: Teams, die nachweislich besser zusammenarbeiteten und höhere Leistungen erbrachten, berichteten von mehr Fehlern als schlechter schneidende Teams. Bei genauerer Analyse stellte sich heraus, dass diese Hochleistungsteams nicht mehr Fehler machten – sie sprachen schlichtweg offener darüber. Sie fühlten sich sicher genug, Transparenz zu leben, ohne Angst vor Bestrafung oder Gesichtsverlust.
Diese Erkenntnis begründete die systematische Erforschung der psychologischen Sicherheit in der modernen Arbeitswelt.
Was bedeutet psychologische Sicherheit genau?
Psychologische Sicherheit nach der Harvard-Professorin Amy Edmondson ist die gemeinsame Überzeugung in einem Team, dass man ohne Angst vor negativen Folgen wie Bestrafung, Hohn oder sozialer Abwertung seine Meinung sagen, Fragen stellen, Bedenken äußern oder Fehler zugeben kann.
Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um ein Synonym für Nettigkeit, das Vermeiden von Konflikten oder das Senken von Leistungsstandards. Im Gegenteil: Psychologische Sicherheit schafft den geschützten Rahmen, in dem inhaltlicher Streit, kritische Fragen und anspruchsvolle Ziele erst möglich werden.
Die vier Dimensionen nach Amy Edmondson
In ihren wissenschaftlichen Publikationen, darunter dem Standardwerk The Fearless Organization: Creating Psychological Safety in the Workplace for Learning, Innovation, and Growth (Edmondson, 2018), beschreibt Edmondson vier wesentliche Aspekte der Teamdynamik:
- Reaktion auf Fehler (Attitude towards mistakes): Werden Fehler als Lernchancen begriffen oder als persönlichesVersagen sanktioniert?
- Umgang mit schwierigen Themen (Open conversation): Können heikle Punkte, Risiken und Unklarheiten direktangesprochen werden?
- Akzeptanz von Vielfalt und Neuem (Willingness to take risks): Werden ungewöhnliche Ideen und Perspektivengeschätzt oder schnell abgewertet?
- Hilfe suchen und anbieten (Inclusion and diversity): Ist es erlaubt, Nichtwissen zu zeigen und Unterstützung imTeam einzufordern?
Warum psychologische Sicherheit im Corporate-Kontext entscheidend ist
Organisationen stehen heute vor komplexen Herausforderungen. Märkte verändern sich rasch, digitale Transformation erfordert kontinuierliches Lernen und der Fachkräftemangel erhöht den Druck auf die Mitarbeiterbindung.
Das bekannte Project Aristotle von Google bestätigte Edmondsons Forschung eindrucksvoll: Nach der Analyse von Hunderten internen Teams zeigte sich, dass psychologische Sicherheit der mit Abstand wichtigste Faktor für den Erfolg von Teams ist – noch vor der individuellen Qualifikation der einzelnen Mitglieder (Google re:Work, 2015).
- Erhöhte Innovationskraft: Mitarbeitende teilen unfertige Gedanken und kreative Lösungsansätze früher.
- Frühzeitige Risikominimierung: Bedenken zu Projekten werden geäußert, bevor teure Fehlentscheidungenentstehen.
- Stärkere Mitarbeiterbindung: Ein Umfeld, das von Vertrauen geprägt ist, reduziert psychische Belastungen undsteigert die Arbeitgeberattraktivität.
Die Rolle der Führung:
Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gelebte Kultur und das Verhalten von Führungskräften. Organisationen und Teams tragen gemeinsam Verantwortung für psychische Stabilität und Leistungsfähigkeit. Führungskräfte setzen hierbei entscheidende Impulse durch drei zentrale Verhaltensweisen:
- Rahmen setzen und Begrenztheit eingestehen: Führungskräfte signalisieren Transparenz über eigene Wissenslücken(„Ich kenne die Antwort auf diese Herausforderung noch nicht, lassen Sie uns gemeinsam nach Lösungen suchen“).
- Neugier zeigen und aktiv Fragen stellen: Durch echtes Interesse wird der Austausch gefördert und die Perspektivedes Gegenübers wertgeschätzt.
- Wertschätzend reagieren: Wenn Probleme oder Bedenken geäußert werden, steht das gemeinsame Lernen imVordergrund, nicht die Schuldfrage.
Fazit: Mentale Gesundheit und Erfolg beginnen im WIR
Mentale Gesundheit und psychische Stabilität am Arbeitsplatz sind das Ergebnis sozialer und struktureller Bedingungen. Psychologische Sicherheit bildet das Fundament, auf dem Teams über sich hinauswachsen, Veränderungsprozesse erfolgreich gestalten und gesunde Arbeitsbedingungen leben können. Im interaktiven Workshop Psychologische Sicherheit der Wemento Academy vermitteln wir Führungskräften fundiertes Wissen, praxistaugliche Methoden und Raum für Reflexion, um eine Vertrauenskultur im Teamalltag aufzubauen.
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